Ein Gespräch mit MALZKORN über CHICAGO WORX, produktiven Nonsens, den STOP LISTENING TO STUPID IDEAS OF OTHERS CLUB und Chicago als Wirkungskraft.


Was ist CHICAGO WORX?
CHICAGO WORX ist das Ergebnis einer kreativen Versuchsanordnung. Einfach gesagt, ist es eine Serie von fünfzig visuellen Klangkörpern in Posterform. Wir wollten herausfinden, was passiert, wenn vermeintliche Nonsens-Texte, spontane Fotografien und intuitiv entwickelte grafische Formen aufeinandertreffen. Drei Systeme, die zunächst nicht verpflichtet sind, einander zu verstehen.
Eine Versuchsanordnung?
Ja. Uns interessierte, welche Kräfte zwischen diesen Elementen entstehen. Ein Foto bringt Wirklichkeit mit. Ein Nonsens-Text eine Störung. Eine Form Richtung, Gewicht oder Widerstand. Sobald diese Dinge in der richtigen Dosierung zusammenkommen, erzeugen sie eine Art von visuellem Klang – eine Schwingung. Und sie stellen Fragen: Wie viel Unfug kann man sich selbst und einem Projekt zumuten, wann stellt sich eine eigenständige Ästhetik ein, haben wir den Optimalzustand überschritten? Jeder Parameter will da behutsam justiert sein.
Also doch Kontrolle?
Natürlich. Gestaltung ohne Kontrolle existiert nicht. Kontrolle heißt, die Nuancen im Blick zu behalten. Welche Wirkungskräfte entstehen innerhalb einer Arbeit? Was verstärkt etwas? Was nimmt Spannung heraus? Wo entsteht Reibung? Man kann ein Projekt aufmerksam führen, ohne es zu früh zu zähmen.
Trotzdem muss es doch einen Ausgangspunkt gegeben haben.
Vor fünfundzwanzig Jahren gründeten wir den STOP LISTENING TO STUPID IDEAS OF OTHERS CLUB. CHICAGO WORX entstand später, aber wahrscheinlich beginnt die Geschichte dort. Der Club entstand aus der Beobachtung, dass Menschen erstaunlich viele Ratschläge erteilen, besonders dann, wenn niemand danach gefragt hat. Der Name war nie als Aufruf zur Ignoranz gemeint. Er verteidigt eher den Moment, bevor eine Arbeit von fremden Erwartungen überformt wird.
In CHICAGO WORX spielen Texte eine wichtige Rolle. Woher kommen sie?
Aus unterschiedlichen Richtungen. Einige entstanden unterwegs. Andere wurden notiert, verworfen und später wiedergefunden. Viele gehen auf Mac Prose zurück, einen experimentellen Textgenerator aus den frühen 1990er-Jahren. Für dieses Projekt haben wir einen alten Macintosh reaktiviert. Das war ein bisschen wie Archäologie.
Warum dieser Aufwand?
Weil Mac Prose sprachliche Kollisionen erzeugt. Das Programm produziert keine Antworten. Es behauptet nicht, etwas zu wissen. Es setzt Wörter in Bewegung und lässt sie an Stellen aufeinandertreffen, an denen man sie nicht erwartet. Manchmal entsteht Unsinn. Manchmal ein Satz, der sich jeder vernünftigen Erklärung entzieht und trotzdem nicht mehr verschwindet.
Was macht diese Texte für die Poster interessant?
Sie stören das Bild auf produktive Weise. Ein Foto behauptet zunächst: So war es. Ein Nonsens-Text widerspricht nicht direkt, aber er verschiebt den Boden darunter. Plötzlich schaut man anders. Die Fotografie wird weniger dokumentarisch. Der Satz wird weniger absurd. Die Form vermittelt oder klingt dazwischen. Ja, es sind grafische Klänge, die hiervon ausgehen.
Und warum Chicago?
Weil wir nach einem Ort gesucht haben, der eine möglichst starke Wirkung auf das Projekt ausübt. Chicago war keine zufällige Entscheidung. Wir haben uns von dieser Stadt eine bestimmte Kraft versprochen: visuell, atmosphärisch, rhythmisch. Eine Stadt kann ein Projekt tragen, stören oder beschleunigen. Chicago hatte die besten Aussichten, genau das Richtige zu tun.
Und hat sich diese Erwartung erfüllt?
Ja. Nur Chicago kann, was Chicago kann.
Was hat Chicago getan?
Die Stadt hat die Arbeiten unter Spannung gesetzt. Nicht als Kulisse, sondern als Gegenüber. Chicago gibt Maßstab, Kanten, Licht, Ordnung, Brüche. Der Ort hat mitgesprochen.
Das klingt nach THE IDIOT.
THE IDIOT beobachtet verwandte Vorgänge. Die meisten Magazine interessieren sich für Ergebnisse. Uns interessieren die Zustände davor. Die Abzweigungen. Die Momente, die später aus der offiziellen Erzählung verschwinden, obwohl sie vielleicht entscheidend waren.
Warum heißt das Magazin THE IDIOT?
Weil der Idiot einen unterschätzten Vorteil besitzt. Er weiß noch nicht, was angeblich unmöglich ist. Er stellt Fragen, die Experten längst aussortiert haben. Nicht aus Überlegenheit. Eher aus Unzuständigkeit. Diese Unzuständigkeit kann erstaunlich produktiv sein.
Welche Rolle spielt BIFF BAFF in diesem Gefüge?
BIFF BAFF ist die Heimat unserer freien Arbeiten, Ansichten und Berichten. Der Name stammt aus der Comic-Lautsprache. Er steht für Tempo und Pragmatismus. Nicht lange fackeln, alles endlos diskutieren oder zerreden, sondern Dinge machen. Komm auf den Punkt – Biff, Baff.
Wenn man MALZKORN, BIFF BAFF, THE IDIOT, den Club und CHICAGO WORX anschaut, entsteht der Eindruck eines zusammenhängenden Systems.
Ja, aber nicht eines Systems, das am Reißbrett entstanden ist. Erst später wurde sichtbar, dass die einzelnen Bereiche ähnliche Fragen verhandeln. Wie entsteht Wirkung? Wie viel Abweichung verträgt eine Arbeit? Und wann wird aus Unfug plötzlich eine Methode?
Und wenn jemand nach diesem Gespräch immer noch nicht genau versteht, was CHICAGO WORX eigentlich ist?
Das erscheint uns als ein völlig vernünftiger Ausgangspunkt.











